Die zwei FFF-geförderten Produktionen "Unterwegs im Namen der Kaiserin" und "Petra Kelly - Act Now" sind mit dem Grimme Preis ausgezeichnet worden.
Grimme Preis Spezial: “Unterwegs im Namen der Kaiserin” (maze pictures/Hochschule für Film und Fernsehen für ZDF – Das Kleine Fernsehspiel)
Buch/Regie/Creation: Jovana Reisinger
Jovana Reisinger wurde mit dem Grimme-Preis Spezial für die zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik ausgezeichnet.
Der Film handelt von den drei Freund*innen Romy (Julia Windischbauer), Karlheinz (Thomas Hauser) und Magda Gustav (Benjamin Radjaipour), für die Selbstfindung und Untergang mit einem Gerücht auf einer malerischen Berghütte beginnen: Es gebe hier einen Jungbrunnen. Auf der Suche treffen sie eine unheimlich gut gelaunte Berglerin (Rosalie Thomass), die ihnen erzählt: Einer oder eine von ihnen sei die Reinkarnation der Kaiserin Elisabeth. Wer? Das würden sie merken, wenn die Kaiserin sich ihnen offenbart. Ab jetzt sind die drei auf der Suche nach ihrer inneren Sisi und in einem Wettbewerb, neben dem das Reality-TV erblassen würde – egal ob sie sich rohe Kalbsschnitzel aufs Gesicht legen oder im Hotel „Kaiserin Elisabeth“ Sisis angebliche Lieblingssuppe mit Innereien schlürfen. Über allem aber liegt ein Verdruss, der sich nicht füllen lässt. Als letztes Mittel beschließen sie, sich am Starnberger See gegenseitig zu erstechen, dann werde sich die Kaiserin zeigen. Irrtum. Am Ende sehen wir drei Frauen Drinks aus dem Jungbrunnen schlürfen: die Hüttenwirtin, die Berglerin mit der Weissagung und eine Jägerin. Wieder sind welche auf ihren Trick hereingefallen, mit dem sich die Hotellerie auf ewig auslasten lässt.
Auszug aus der Jury-Begründung:
“Was für eine Vorstellung, im doppelten Sinn! Drei Hexen chillen am ewigen Jungbrunnen und halten nebenbei die Sisi- und Kini-Industrie lukrativ am Laufen. Das alles funktioniert bei Jovana Reisinger (Buch/Regie/Creation) sofort und unmittelbar: „Unterwegs im Namen der Kaiserin“ hebt sich so spektakulär ab vom gewohnten Fernsehen, zieht mit Bildern und Sound hinein in eine so rasante und ganz andere Ästhetik, dass es hellwach macht. Sofort ahnt man, die verkitschte Alpenromantik könnte eine Falle sein. Das ständige elegisch-edle Nachdenken über Vergänglichkeit und Jugend wiederum ist gekoppelt an strenge Beauty-Anforderungen. Und Vorsicht, denn: „Der Grat zwischen Wunder und Katastrophe ist heute extraschmal“, heißt es am Anfang. Diese Welt hat etwas träge Morbides, ist in einen überdrehten Prunk getunkt – wer mag, kann da nachschlagen, was der Begriff „camp“ in der Kunst bedeutet. Und natürlich zerlabern die drei Rivalisierenden um die kaiserliche Reinkarnation sich den Verstand beim Versuch, die innere Sisi endlich final aufzuspüren (..).”
Grimme-Preis Wettbewerb Information & Kultur an “Petra Kelly – Act Now!”
(Bildersturm Filmproduktion/Kimmel & Metz Filmproduktion für rbb/BR/RB/ARTE)
Buch/Regie: Dors Metz
Zum Inhalt: Bevor Petra Kelly im Jahr 1992 von ihrem damaligen Lebensgefährten Gert Bastian getötet wurde, war das zivilgesellschaftliche und politische Engagement der aus Bayern stammenden Grünen-Politikerin beispiellos. Anhand von umfassenden, teilweise auf Super 8 entstandenen Archivaufnahmen, die Kellys Hingabe an die Politik und ihren Glauben an die Möglichkeit zur Veränderung der Welt verdeutlichen, und ihre Ansichten in ihrer eigenen Stimme authentisch wiederzugeben vermögen, sowie durch die Hilfe von Interviews mit Weggefährt*innen wie Otto Schily und Lukas Beckmann oder der ehemaligen Büroleiterin Bastians webt Doris Metz in „Act Now!“ ein aktuelles, durch exklusive Gespräche mit Kellys Bruder John so emotionales wie beeindruckendes Portrait von Petra Kelly. Kellys von Erfahrungen aus ihrem Leben in den USA und als Campaignerin für Senator Robert F. Kennedy geprägter Werdegang zur Politikerin wird dabei ebenso verdeutlicht wie ihre Sonderstellung als Frau in einem von Männern dominierten Umfeld. Seltenes, bezeichnendes Dokumentarmaterial wie Kellys Besuch bei Erich Honecker in Ost-Berlin und ihre Zusammenarbeit mit ostdeutschen Politiker*innen und Menschenrechtler*innen findet ebenso Eingang in den Film wie die Dokumentation der möglichen Stasi-Verstrickungen Bastians.
Auszug aus der Jury-Begründung:
“Die so genannte „Affäre Kelly und Bastian“ – mittlerweile erinnern sich zu viele Menschen nur noch an den „Skandal“, den die Boulevardpresse aus einem angeblichen erweiterten Suizid konstruierte. Dabei steckt eine der leidenschaftlichsten, prägendsten und unermüdlichsten Politikerinnenkarrieren dahinter. Der Verdienst von Doris Metz‘ Film ist es, Petra Kellys Leben vor allem anhand von Kellys eigenen Taten, Ansichten, Ideen und Erfahrungen zu rekonstruieren. Es entsteht das Portrait einer selbstverständlichen Humanistin, die sich bis zur Erschöpfung für eine gerechtere Welt einsetzt, der – selbst aus einem privilegierten Umfeld stammend – die Diskriminierungserfahrungen unterschiedlichster marginalisierter Gruppen am Herzen lagen, die Umweltthemen, Atom- und Friedenspolitik länderübergreifend und die sich selbst als frühe Netzwerkerin verstand, und sich in einer einst noch mehr als heute von männlichen Sichtweisen und Gender-Verzerrungseffekten geprägten Umgebung mit Expertise und Elan durchzusetzen vermochte (…). Der Regisseurin gelingt es mit „Petra Kelly – Act Now!“, eine besondere Politikerin und ihren – familiären und politischen – Hintergrund darzustellen, ohne ihre Protagonistin affirmativ weichzuzeichnen oder psychologisch übergriffige Schlussfolgerungen zu ziehen. Nebenbei präsentiert sie ein beeindruckendes Beispiel für Mut und die – in diesem Tagen mehr als je nötige – Zivilcourage.”